«Und eine Melodie befreit uns
aus dem Irrgarten uns´rer Gedanken
und öffnet alle Schleusen, alle Schranken
unserer Seele weit..»

REINHARD MEY

Welch ein Geschenk ist ein Lied

UNSER WARUM

”Danke, ich bin gerade wieder jung geworden“, sagte eine Dame zu mir, als ich Lieder ihrer Jugend von Zarah Leander, Hildegard Knef und Marlene Dietrich gesungen hatte. Gerade Lieder, die wir aus unserer Kindheit und Jugend kennen, prägen uns für immer.
Im Hintergrund der Musikpsychologie kann Musik gerade bei Menschen mit Demenz Erinnerungen wecken.
Erinnerungen, die vielleicht schon längst verblasst waren.
Denn Musik erreicht Bereiche im Gehirn, die selbst im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz noch erhalten bleiben.

Musik kann Verbindung schaffen und Kommunikation ermöglichen, wo Sprache vielleicht schon längst verstummt ist. „Enjoy the Silence“, sang ich gar einmal für eine Dame mit Korea Huntington, die tatsächlich kaum ein Wort sprechen konnte. Ihr Wunsch nach Depeche Mode hatte mich überrascht, aber es ist eben ein Klischee, dass alle älteren Menschen nur alte Volksmusik hören wollen. Diese Dame holte nach meinem kleinen Zimmerkonzert tief Luft und sagte, mit all ihrer Kraft: „Das war schön.“

Musik kann Trost spenden und Schmerzen lindern.
Ich musste mich zusammenreissen, als eine Dame bei Stille Nacht nicht mehr aufhören konnte zu weinen. Und ich hatte schon Sorge, alte Wunden aufzureissen. Aber das Gegenteil war der Fall: Sie bedankte sich, weil sie dieses Lied tröstete. „Das ist mein erstes Weihnachten ohne die Familie.”

Musik und Singen kann die motorischen und kognitiven Fähigkeiten stärken, insbesondere wenn die Person mit Demenz selbst aktiv mitsingt. Ich hab nicht schlecht gestaunt, als meine Schwiegeroma nach dem Auftritt auf ihrem Zimmer eine Kiwi aufgeschnitten hat. Fein säuberlich, gerader Schnitt, und dann hat sie die gesamte Frucht aufgegessen. Ganz allein. Das war vorher nicht möglich. Vielleicht Zufall, wer weiss.

Klar ist, dass Musik wirkt.
Das wurde in zahlreichen musikpysychologischen Studien bestätigt. Musik aktiviert und stimuliert verschiedene Hirnregionen und ist gewissermassen ein Ganzkörpertraining fürs Gehirn.

Und das wollen wir uns zunutze machen und mit dem, was uns selbst am meisten Freude bereitet, auch andere bereichern.

«Während unseren Auftritten entsteht eine
Gleichzeitigkeit an Emotionen.
Leichtigkeit und Nostalgie mischen sich mit
Wehmut und Erinnerung.»

SABRINA GERNER